Vibe Coding wird den Entwickler nicht ersetzen — aber den Entwickler, der es nicht nutzt
Ich entwickle Websites seit 1995. HTML-Tabellen, die ersten CSS-Experimente, PHP, WooCommerce, REST-APIs — ich habe die ganze Evolution des Webs miterlebt. Und ehrlich gesagt hat mich in den letzten 30 Jahren selten etwas so fasziniert wie das, was gerade mit KI-gestützter Entwicklung passiert.
Vor einigen Monaten habe ich beschlossen, es richtig zu testen. Nicht nur ein paar Code-Snippets generieren lassen — sondern von der Idee bis zum fertigen, kommerziellen Produkt. Vibe Coding auf die Probe stellen.
Hier ist, was ich gelernt habe.
Die Idee: Mein eigenes Problem lösen
Als Trading-Lehrling brauchte ich ein Journal, um meine Trades zu dokumentieren und zu analysieren. Alles manuell aus der Broker-Applikation ins Excel exportieren — zu umständlich, zu zeitaufwändig.
Also fragte ich Claude, ob er mir nicht helfen könnte: Daten extrahieren, ein einfaches Formular, ein paar Notizen. Zehn Minuten später hatte ich eine Übersicht mit Filterfunktion, Echtzeit-Import aus cTrader und einer sauberen Verwaltungsoberfläche. Und das Ding sah gut aus.
Da kam der Funke: Warum nicht ein kommerzielles Produkt daraus machen?
Nicht einfach loscodieren — zuerst denken
Dank meiner Erfahrung in der Produktentwicklung wusste ich: Bevor auch nur eine Zeile Code geschrieben wird, muss das Fundament stimmen.
Also habe ich zuerst mit Claude Marktforschung betrieben. Bestehende Produkte analysiert, ihre Stärken und Schwächen durchleuchtet, Businessmodelle verglichen. Auf dieser Basis haben wir gemeinsam definiert, was ein MVP leisten muss — und was nicht.
Das war einer der wichtigsten Momente des ganzen Projekts. Nicht der Code, sondern die Klarheit davor.
Von der Idee zum Produkt in wenigen Tagen
Mit klarem Scope und guter Vorbereitung ging die Umsetzung erstaunlich schnell. Ich startete im Browser, merkte aber schnell, dass das zu eingeschränkt war. Der Wechsel zu Claude Code im Terminal war der richtige Schritt — mit Memory-Funktion und Projekt-Files liess sich Claude viel stabiler auf ein Ziel hinführen.
In wenigen Tagen hatten wir ein Produkt mit Subscription-System, Kunden-Dashboard und cTrader-Synchronisierung. Ein Produkt, das echten Mehrwert für Trader bringt und sich vor der Konkurrenz nicht verstecken muss.
Die Ernüchterung: Wo Vibe Coding an Grenzen stösst
Jetzt kommt der ehrliche Teil.
Claude schoss oft einfach los, bevor die Aufgabe zu 100% definiert war. Das führte zu genau dem, was viele kennen: Hier ein Bug, da ein Bug — und plötzlich ist der erste Bug wieder da. Dazu dieses falsche Selbstvertrauen der KI: «Ich habe das Problem gefunden und die Lösung!» — und dann war es doch keine.
Change Logs vergessen. Git-Repository nicht aktuell. Architektur-Entscheide, die kurzfristig funktionierten, aber langfristig Probleme machten.
Das alles verbesserte sich deutlich, sobald ich klare Regeln definiert hatte und mit kleinen Sprints arbeitete. Aufgaben in kleine Chunks zerlegen, jeden Schritt sauber abschliessen, bevor der nächste beginnt. Klassisches Projektmanagement — angewendet auf einen KI-Entwickler.

Was ich wirklich gelernt habe
Vibe Coding ist kein Autopilot. Es ist ein mächtiges Werkzeug — aber ein Werkzeug, das geführt werden will.
Was den Unterschied macht, ist nicht ob man Vibe Coding benutzt. Es ist wie man es benutzt:
Klare Struktur vor dem ersten Prompt. Was genau soll gebaut werden? Was nicht? Wer das nicht weiss, wird es in der Umsetzung teuer bezahlen.
Echtes Prozessverständnis. Man muss verstehen, was der Code tut — nicht jede Zeile, aber das Gesamtsystem. Sonst merkt man nicht, wenn Claude in die falsche Richtung läuft.
Projektmanagement ist nicht optional. Kleine Sprints, klare Aufgaben, saubere Dokumentation. Das klingt langweilig, rettet aber das Projekt.
Technisches Hintergrundwissen schützt. Ich konnte Architekturentscheide von Claude hinterfragen, weil ich weiss wie Systeme funktionieren. Ohne dieses Wissen hätte ich vieles einfach durchgewunken — und später die Quittung bekommen.
Fazit
Vibe Coding wird Entwickler nicht ersetzen. Aber es wird die Entwickler ersetzen, die sich dieses Tool nicht zu Nutze machen.
Die gute Nachricht: Wer schon heute weiss wie man Projekte strukturiert, Anforderungen definiert und technische Entscheide hinterfragt, hat einen riesigen Vorsprung. KI gibt uns die Geschwindigkeit. Das Handwerk gibt uns die Qualität.
Ich baue weiterhin Websites für Schweizer Unternehmen — nur schneller als früher.
Marcel Heiniger ist Webentwickler aus Ipsach bei Biel und entwickelt seit 1995 Websites.
Er hilft KMUs mit massgeschneiderten WordPress- und WooCommerce-Lösungen.

